12. Februar 2012

Vom Phosphor wird mehr gelitten

Unsere Breslauer germanistische Studentenzeitung sollte meinen kleinen Beitrag zum Thema Literatur bringen. Gebracht hat es aber so viele Druckfehler (beim Copy&Paste kann man augenscheinlich auch überholen), daß der Text fast unleserlich wurde. Auf jeden Fall spürt man den Spaß beim Lesen nicht mehr. Deshalb erlaube ich es mir, ganz unverschämt und unbescheiden, meine Rezension hier zu posten.

Darunter finden sich auch Links zu den früheren Ausgaben unsrer Zeitschrift. Für besonders empfehlenswert halte ich die Umschlaggraphiken von Kasia Kurka. So 'nen Schopenhauer zu sehen ist ein Augenschmaus.

Hinweis: Weil das unten beschriebene Buch echt gut ist, wird es voraussichtlich in einer deutschen Fassung NICHT schnell erscheinen.


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  Germanisten kennen sich in der jüngeren deutschen Literatur häufig besser aus als in der polnischen. Dem muß unbedingt abgeholfen werden. Neben trendigen Bestsellerautoren und Skandalträgern, die es überall gibt, bietet sich uns eine blühende Phantasy- und Sci-Fi-Szene, in der man junge begabte Schriftsteller finden kann. Zu diesen zählt, nebst Ł. Orbitowski oder M. Oremus, der schlesische Autor Szczepan Twardoch.
  Seinen letzten Roman „Wieczny Grunwald“ ["Ewiges Tannenberg"] schrieb er für eine Serie von Alternate Histories anläßlich des 6oo. Jahrestages der Schlacht, es ist weder eine plumpe Was-wäre-wenn-Geschichte, noch ein pathetischer Multi-Kulti-Diskurs. Daher ist er besonders den Adepten der Landeskunde zu empfehlen. Der Dichter, ein Grenzgänger schlechthin, verarbeitet darin alle alten sowie modernsten Besessenheiten und Ängste, vor allem aber läßt er den alten Spruch Póki świat światem, nie będzie Niemiec Polakowi bratem" [„Solange die Welt besteht, wird der Deutsche des Polen Bruder nicht"] das Weltall regieren. Auch die Hauptfigur ist ein besonderer Mischling: Bastard Casimirs des Großen und einer deutschstämmigen Krakauer Hure. Er erfährt von seiner Herkunft, bringt seinen Freund um, erlernt in Nürnberg die Fechtkunst, und kehrt schließlich auf seiner (Stichpunkt!) Identitätssuche nach Krakau zurück, um seinen Nachlaß zu beanspruchen und stirbt letzten Endes angeblich auf dem Schlachtfeld, allerdings nur körperlich. Sein echtes Leben verschmilzt mit dem ewigen Sterben von -zig Parallelleben und Nebenwelten, wo nur der permanente deutsch-polnische Konflikt besteht, zu einem stilisierten obsessiven Bewußtseinsstrom.
  Eben hier erkennt man den Meister. Endlich mal eine Literatur, die straff ist, die man packen und genießen kann. Dabei begegnet ein erfahrener Leser in dem Sprachgewebe den intertextuellen Fäden von Twarochs früheren Faszinationen, vom Umgang mit Blankwaffen bis hin zu Ernst Jünger. Natürlich ist das Buch nicht einwandfrei, eine quasi-buddhistische Prägung und eine durchaus depressive Stimmung mögen manche abschrecken, scharfsinnige Kommentare konfrontieren den Leser ohne Hemmungen mit der bitteren Wahrheit über die menschliche Beschaffenheit.


  Aber zurück zur Sache! Man stelle sich vor, der ganze kulturelle Austausch, der Transfer und die gegenseitige Bereicherung seien eine Akademikerfiktion und leeres Gerede, und es gäbe nur einen immerwährenden Kampf zweier entgegengesetzter Prinzipien, des Solaren und des Lunaren, des Männlichen und des Weiblichen, des Rationalen und Emotionalen, des Sandsteins und des Granits, der Berge und des Flachlands – des Deutschen und des Polnischen. Die Gegensätze können sich kaum je vertragen, sondern nur solange bekämpfen bis einer den anderen bezwingt und ausrottet. Schließlich muß sich jeder zu einem der beiden Pole bekennen. Es gibt auch Gemeinsamkeiten beiderseits der Frontlinie, bloß kann man mit deren Bewußtsein weiterleben?
  Sonst verbindet das Buch zwei weitere scheinbare Gegensätze: es liest sich wie ein Traktat, das Weisheit in ihrer Überfülle ausgießt. Wiederum kommt dabei keine Langeweile auf, so fließend gehen die Welten, Stile und Fäden ineinander über.
  Bis auf einen Punkt – obwohl ich ihn mehrmals durch- und angelesen habe, bin ich mir nicht darüber im Klaren, ob das offene Ende ein Vorzug oder Nachteil des Romans ist. Ob darin tatsächlich eine Lösung vorgeschlagen wird. Das aber muß nach der Lektüre jeder für sich selbst beantworten.

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